Ein Jahr nach dem Absturz von London Southend: Warum die Ursache noch immer ungeklärt ist
London/Kleinmaischeid. Ein Jahr ist es her, dass am Flughafen London Southend ein Ambulanzflugzeug kurz nach dem Start abstürzte – an Bord auch der Notarzt Dr. Matthias Eyl aus Kleinmaischeid im Kreis Neuwied. Alle vier Insassen der Maschine starben. Zum Jahrestag hat die britische Flugunfall-Untersuchungsbehörde AAIB nun eine Zwischenbilanz veröffentlicht. Sie zeigt: Der Hergang ist inzwischen präzise rekonstruiert – die entscheidende Frage nach dem Warum bleibt offen.
Am 13. Juli 2025, kurz vor 16 Uhr Ortszeit, hob die Beechcraft B200 Super King Air der niederländischen Gesellschaft Zeusch Aviation von der Startbahn 05 in Southend ab. Die Maschine hatte zuvor einen Patienten nach Großbritannien gebracht und sollte zurück zu ihrer Basis im niederländischen Lelystad fliegen. Doch schon vor dem Abheben zog das Flugzeug nach den Erkenntnissen der Ermittler leicht nach links; unmittelbar nach dem Start wich es von der Bahnachse ab, drehte im Steigflug um 90 Grad und stürzte aus nur 70 bis 80 Fuß Höhe – gut 20 Metern – auf das Flughafengelände. Ein heftiger Brand folgte. Augenzeugen berichteten damals, die Piloten hätten Zuschauern kurz zuvor noch zugewinkt.
Kein Flugschreiber, kaum Spuren
Warum die Maschine außer Kontrolle geriet, kann die AAIB auch nach zwölf Monaten nicht sagen – und das hat handfeste Gründe: Für das Flugzeugmuster war weder ein Flugdatenschreiber noch ein Cockpit-Stimmenrekorder vorgeschrieben, entsprechend war keiner an Bord. Durch Aufprall und Feuer blieben zudem nach Angaben der Behörde "nur begrenzte physische Beweise" übrig. Den Flugverlauf mussten die Ermittler aus Zeugenvideos, Überwachungskameras und Transponderdaten rekonstruieren. Untersucht werden technische, betriebliche, menschliche und organisatorische Faktoren – eine Festlegung auf eine Ursache gibt es nicht. Der Abschlussbericht, ursprünglich für Juni 2026 erwartet, steht weiter aus; die AAIB will ihn veröffentlichen, sobald alle Untersuchungen abgeschlossen sind.
Trauer um einen Notarzt aus der Region
Beim Absturz starben die beiden niederländischen Piloten Danny Marco Franken (53) und Floris Christiaan Rhee (24), die 31-jährige Flugkrankenschwester Maria Fernanda Rojas Ortiz – nach Medienberichten an ihrem ersten Arbeitstag – und Dr. Matthias Eyl (46) aus Kleinmaischeid, der den Ambulanzflug als Begleitarzt betreute.
Eyl war in der Region weit über den Kreis Neuwied hinaus als Notarzt bekannt und geschätzt: Er fuhr hauptsächlich an den Standorten Dierdorf und Montabaur/Dernbach Einsätze und leistete regelmäßig Dienste in Rettungswachen im Westerwald und an der Lahn, parallel war er als Fliegerarzt auf Rettungs- und Rückholflügen tätig. Sein Tod, den die Polizei in Essex damals gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigte, löste in der Region große Betroffenheit aus. "Sein Engagement war nicht selbstverständlich, sein Verlust ist unermesslich", schrieb der DRK-Ortsverein Bad Marienberg in einem Nachruf.
Bei der gerichtlichen Todesermittlung im englischen Chelmsford wurde festgestellt, dass alle vier Opfer an schweren traumatischen Verletzungen starben. Der zuständige Coroner sprach von einer "absoluten Tragödie" und vertagte das Verfahren – in der Erwartung, dass bis dahin der AAIB-Bericht vorliegt. Auch dieser Zeitplan hat sich inzwischen verschoben.
Für die Angehörigen, die Kollegen in den Rettungswachen und die Luftfahrt bleibt damit ein Jahr nach dem Unglück vor allem eines: Warten auf Antworten.