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Die vergessene Bombe von Koblenz: Als die Region knapp einem Anschlag entging

Am 31. Juli 2006 lag im Koblenzer Hauptbahnhof einen ganzen Tag lang unbemerkt eine Bombe. Die Geschichte des gescheiterten Anschlags auf zwei Regionalzüge.

Nachbau einer der am 31. Juli 2006 in den Regionalzügen der Deutschen Bahn von Aachen nach Hamm und Mönchengladbach nach Koblenz gefundenen Kofferbombe, Wanderausstellung des Bundesamtes für Verfassungsschutz.
Foto: blu-news.org

Koblenz. Am 31. Juli 2006 stellten zwei Männer im Kölner Hauptbahnhof zwei Koffer in Regionalzüge. In beiden steckten Bomben, eingestellt auf 14.30 Uhr. Einer der Züge fuhr die Rheinstrecke hinunter nach Koblenz. Dass nichts geschah, lag an einem Konstruktionsfehler – die Zünder lösten aus, die Sprengsätze explodierten nicht.
Vor gut zwei Wochen jährte sich der Tag zum zwanzigsten Mal.

Wie die Täter vorgingen

Die beiden Männer zogen ihre Rollkoffer in zwei Regionalbahnen: einen in den Regionalexpress 1 von Aachen nach Hamm, einen in eine Regionalbahn nach Koblenz.

Dann fuhren sie jeweils eine Station mit – der eine bis Troisdorf, der andere bis Köln-Deutz – und stiegen aus. Die Koffer ließen sie stehen, als hätten sie ihr Gepäck vergessen.

Die Zeitzünder waren auf 14.30 Uhr gestellt. Beide lösten aus. Explodiert ist keine der beiden Bomben.

Der Unterschied zwischen Dortmund und Koblenz

Im Zug Richtung Hamm entdeckte ein Zugbegleiter den Koffer um 14.40 Uhr – zehn Minuten nach der geplanten Detonation. Um 15.55 Uhr gab er ihn im Fundbüro des Dortmunder Hauptbahnhofs ab. Beim Öffnen erkannten die Mitarbeiter, was darin steckte, und alarmierten die Bundespolizei. Gegen 19.35 Uhr machten Entschärfer die Bombe unschädlich.

In Koblenz lief es anders. Der Koffer wurde zwar noch am selben Tag sichergestellt – aber niemand bemerkte, was darin war. Die Bombe wurde erst entdeckt, als der Koffer am nächsten Tag geöffnet wurde.

Einen ganzen Tag lang lag ein Sprengsatz im Koblenzer Hauptbahnhof.

Was hätte passieren können

Die Bundesanstalt für Materialforschung untersuchte die Sprengsätze später. Sie hätten einen Feuerball von 15 Metern Durchmesser erzeugt, Metallsplitter wären im Umkreis von hundert Metern umhergeflogen. Die Wirkung wäre mit den Londoner Anschlägen vom Juli 2005 vergleichbar gewesen – dort starben 56 Menschen.

Beide Züge wären vermutlich entgleist.

Ein Detail aus der libanesischen Anklageschrift zeigt, wie kalkuliert die Tat war: In einem der Koffer soll sich Speisestärke befunden haben. Sie hätte sich nach einer Explosion als Feinstaub auf die Atemwege der Überlebenden gelegt – und weitere Opfer durch Ersticken gefordert.

Die Bundesanwaltschaft sagte im Prozess: "Deutschland war einem islamistischen Anschlag nie näher als in diesem Fall."

Die Flucht

Noch am Tattag flogen die beiden vom Flughafen Köln-Bonn nach Istanbul, weiter nach Damaskus und von dort über Land in den Libanon.

Einer von ihnen kehrte zurück. Youssef Mohamad al-Hajdib flog am 8. August über Frankfurt nach Kiel – dorthin, wo er lebte. Der damals 21-Jährige studierte seit Februar 2005 Mechatronik an der Fachhochschule und wohnte in einem Studentenwohnheim. In Deutschland lebte er seit 2004.

Am 18. August veröffentlichten die Ermittler die Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem Kölner Hauptbahnhof und setzten 50.000 Euro Belohnung aus.

Nur einen Tag später, am 19. August um 3.53 Uhr, wurde al-Hajdib in einem Bahnhofsrestaurant in Kiel festgenommen. Den entscheidenden Hinweis hatte der libanesische Militärgeheimdienst geliefert – er war der Familie über abgehörte Telefonate auf die Spur gekommen.

Sein Komplize Dschihad Hamad stellte sich am 25. August im nordlibanesischen Tripoli.

Die Urteile

Am 9. Dezember 2008 verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf al-Hajdib zu lebenslanger Haft – wegen versuchten Mordes an einer unbestimmten Anzahl von Menschen. Das Gericht sprach von einem geplanten "Blutbad von ungeheurem Ausmaß" und einer "zutiefst terroristischen Tat".

Reue zeigte er nicht: Nach dem Urteil streckte er den Kameras beide Mittelfinger entgegen. Der Bundesgerichtshof verwarf seine Revision im September 2009.

Mitte 2020 wurde al-Hajdib in den Libanon abgeschoben.

Hamad wurde in Beirut zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Das eigentliche Ziel war ein anderes

Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass die Täter ursprünglich etwas anderes vorhatten: die Sprengung der Kölner Hohenzollernbrücke. Diesen Plan verwarfen sie, weil ihnen der Sprengstoff fehlte.

Im Prozess bestätigte ein Zeuge zudem, dass auch ein Anschlag auf das Kölner Stadion während der Fußball-WM 2006 erwogen worden war.

Als Motiv nannten beide die Mohammed-Karikaturen, die 2005 zunächst in einer dänischen Zeitung und später auch in deutschen Blättern erschienen waren. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Täter einer Gruppe zu, die der islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir nahestand.

Die Ermittlungen leitete die damalige Generalbundesanwältin Monika Harms.

Warum der Fall aus dem Gedächtnis verschwand

Es gab keine Toten, keine Bilder von Zerstörung, keinen Gedenktag. Genau deshalb kennt kaum jemand die Geschichte – und in Koblenz noch weniger als anderswo.

Für die Sicherheitsbehörden ist der Fall bis heute ein Lehrstück: darüber, wie schmal der Grat zwischen Normalität und Katastrophe sein kann. Und darüber, welche Rolle Videoüberwachung spielt – ohne die Aufnahmen aus dem Kölner Hauptbahnhof wären die Täter womöglich nie gefunden worden.

Der Bezug zu unserer Region

Der Zug mit der zweiten Bombe fuhr die linke Rheinstrecke entlang – über Bonn, Remagen und Andernach nach Koblenz. Eine Strecke, die täglich Tausende Pendler aus unserer Region nutzen.

Zwanzig Jahre später sind es wieder Sicherheitsfragen rund um Verkehr und Infrastruktur, die Schlagzeilen machen: Drohnen über Flughäfen, Sabotage an Bahnanlagen, Sprengstofffunde.

Was 2006 misslang, hat den Blick auf diese Verwundbarkeit dauerhaft verändert.

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