Neuwied: 70.000 Einwohner oder Schrumpfkurs – worum es bei "NeuWie?" wirklich geht
Neuwied. Wenn die Stadt Neuwied ab dem 11. August in 14 Stadtteilwerkstätten über die Zukunft diskutiert, klingt das zunächst nach Verwaltungsroutine. Tatsächlich geht es um eine Grundsatzfrage: Wächst Neuwied – oder schrumpft es? Die Zahlen dahinter sind deutlich, und sie betreffen jeden, der hier wohnt, arbeitet oder ein Kind in die Kita bringt.
Unter dem Motto "NeuWie? Unsere Stadt von morgen denken" schreibt die Stadt derzeit ihre Stadtentwicklungsstrategie fort. Sie ist der Fahrplan für die langfristige Entwicklung – Grundlage für konkrete Projekte, politische Entscheidungen und, ganz wichtig, für Förderanträge. Den Startschuss gab der Stadtrat im April 2025. Bis zum Frühjahr 2027 soll die neue Strategie stehen und dann vom Rat beschlossen werden. Fachlich begleitet wird der Prozess vom Dortmunder Planungsbüro plan-lokal.
Warum überhaupt eine neue Strategie?
Eine Strategie gibt es seit 2018 – die "Stadtentwicklungsstrategie 2030". Doch seither, so begründet es die Stadt, seien neue Herausforderungen dazugekommen, Teile seien nicht mehr aktuell, und es fehle eine klar formulierte, gemeinsam getragene Zukunftsvision. Themen wie Klimaschutz, Klimaanpassung, Energie, Mobilität, veränderte Wohnraumbedarfe und neue Fördermöglichkeiten seien stärker in den Fokus gerückt.
Sechs Ziele hat sich die Stadt für die Neuauflage gesetzt: eine greifbare gemeinsame Vision statt nur eines räumlichen Leitbilds, messbare Ziele, gebündelte statt zersplitterter Themen, konkrete Umsetzungswege, klarere Kommunikation – und die Möglichkeit, unterwegs nachzusteuern.
Die demografische Zerreißprobe
Der nüchterne Kern der Analyse sind fünf durchgerechnete Bevölkerungsszenarien. Und die zeigen eine erhebliche Spannweite.
Ohne Zuzug – also bei rein natürlicher Entwicklung – würde Neuwied bis 2030 auf rund 58.950 Einwohner schrumpfen. Das wäre ein Minus von acht Prozent. Am anderen Ende steht das ehrgeizige Ziel-Szenario "Neuwied 70.000". Damit das aufgeht, bräuchte die Stadt einen jährlichen Wanderungsgewinn von 680 Personen. Jahr für Jahr.
Noch deutlicher als die Gesamtzahl verändert sich die Altersstruktur. Die Zahl der unter 20-Jährigen sinkt, während die Gruppe der über 65-Jährigen massiv wächst – von 22,2 Prozent auf knapp 30 Prozent. Besonders stark legt die Gruppe der "jungen Senioren" zwischen 66 und 75 Jahren zu: um bis zu 40 Prozent.
Das hat handfeste Folgen. Eine Stadt mit deutlich mehr Älteren braucht andere Wohnungen, andere Wege, andere Angebote – von barrierefreien Erdgeschosswohnungen über wohnortnahe Versorgung bis zu Sitzbänken an der richtigen Stelle. Gleichzeitig darf sie die Infrastruktur für Familien nicht abbauen, wenn sie wachsen will.
Warum es für die Stadtkasse ums Geld geht
Hinter dem Wachstumsziel steckt nicht nur Ehrgeiz, sondern Kämmerer-Arithmetik. Jeder Einwohner bringt der Stadt Geld: Mit rund 340 Euro pro Kopf aus dem Einkommensteueranteil rechnet Neuwied, dazu kommen etwa 150 Euro aus dem kommunalen Finanzausgleich.
Die Rechnung dahinter ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich: Wenn Neuwied seine Einwohnerzahl lediglich hält, entstehen ab 2030 kaum dauerhafte Mehreinnahmen. Das Szenario "Neuwied 70.000" dagegen könnte einen Millionenbetrag zur Haushaltskonsolidierung beisteuern. Wachstum ist für die Stadt also keine Frage des Prestiges, sondern der finanziellen Handlungsfähigkeit – und damit letztlich der Frage, ob Schwimmbad, Bücherei und Straßensanierung bezahlbar bleiben.
Unterschätzt: Neuwied als Arbeitsplatz-Schwerpunkt
Ein Punkt, der im Alltag oft untergeht: Neuwied ist ein erheblicher Arbeitsplatzstandort in der Region. Täglich pendeln rund 15.400 Menschen in die Stadt hinein – während nur etwa 12.200 auspendeln. Unter dem Strich bleibt ein deutlicher Einpendler-Überschuss.
Gleichzeitig läuft ein Strukturwandel: Das produzierende Gewerbe geht zurück – die Schließung von Rasselstein steht sinnbildlich dafür –, während der Dienstleistungssektor wächst.
Daraus zieht die Strategie eine Schlussfolgerung, die für die Wohnungsdebatte zentral ist: Wohnungsbau und Wirtschaftsförderung sind direkt gekoppelt. Nur wenn attraktiver Wohnraum vorhanden ist, finden Unternehmen die Fachkräfte, die sie brauchen – und nur dann bleiben die Pendlerströme im Rahmen. Wer über Baugebiete streitet, verhandelt also indirekt auch über Arbeitsplätze.
Wo gebaut werden soll: innen vor außen
Bei der Frage, wo neue Wohnungen entstehen, verfolgt Neuwied eine Doppelstrategie. Der Grundsatz lautet: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Zuerst sollen also Baulücken und Leerstände im Bestand genutzt werden. Das Potenzial dafür ist beachtlich – rund 45 Hektar Baulücken hat die Stadt identifiziert.
Trotzdem hält der Flächennutzungsplan Reserven im Außenbereich vor: etwa 85 Hektar für den Wohnungsbau und 106 Hektar für Gewerbe. Sie sind die Rückversicherung für den Fall, dass die Wachstumsszenarien tatsächlich eintreten. Genau an dieser Stelle dürfte es in den Stadtteilwerkstätten interessant werden – denn Flächen im Außenbereich sind fast immer auch Flächen, an denen jemand hängt.
Zwölf Stadtteile, zwölf Aufgaben
Ein Leitgedanke zieht sich durch die Strategie: Neuwied ist keine Monostruktur, sondern besteht aus zwölf Stadtteilen, die ihre jeweilige Identität behalten sollen. Diese Polyzentrik ist Stärke und Herausforderung zugleich – und der Grund, warum die Beteiligung jetzt in die Stadtteile wandert.
Beispiele für die konkreten Aufgaben: In Feldkirchen ist die Schaffung einer klar erkennbaren Ortsmitte als städtebauliche Aufgabe definiert. In Torney geht es um die Aufwertung des Zentrums am Berliner Platz. Für Innenstadt und Heddesdorf steht die Versorgungsfunktion für den gesamten Landkreis im Fokus – und die Aufwertung des Marktplatzes, der zeitweise vor allem als Parkfläche diente.
Leuchttürme, Kitas, Breitband
Neben dem großen Rahmen finden sich auch greifbare Projekte. Der auffälligste Vorschlag ist die "Himmelsleiter": eine Aussichtsplattform an den Steilhängen in Feldkirchen, die das Neuwieder Becken touristisch in Szene setzen soll.
Weniger spektakulär, aber für Familien entscheidend ist der Ausbau der Kita-Plätze für unter und über Dreijährige. Der Bedarf schwankt je nach Bevölkerungsszenario um mehrere hundert Plätze – ein gutes Beispiel dafür, wie unmittelbar die abstrakten Prognosen auf den Alltag durchschlagen.
Beim Thema Digitalisierung geht es um den flächendeckenden Ausbau auf mindestens 50 Mbit pro Sekunde sowie darum, die städtischen Online-Services für Handy und Tablet fit zu machen.
Wie es jetzt weitergeht
Beteiligt haben sich bereits viele: Rund 1.300 Menschen machten bei der Online-Umfrage im Frühjahr mit, dazu kamen ein Auftaktforum im März, Infostände auf dem Gartenmarkt und mehrere Fachworkshops. Inhaltlich arbeitet die Strategie mit fünf Themenclustern: Wohnen, Wirtschaft und Freiraum; Innenstadt, Stadtteile und regionale Entwicklung; Klima, Energie und Mobilität; Identität, Kultur, Image und Tourismus; sowie soziale Infrastruktur, Zusammenhalt, Teilhabe und Sicherheit.
Jetzt folgt die Vor-Ort-Phase. "Die bisherige Beteiligung hat gezeigt, dass viele Menschen ihre Stadt aktiv mitgestalten möchten", sagt Oberbürgermeister Jan Einig. "Jetzt wollen wir die Diskussion dorthin bringen, wo die Menschen leben: in die Stadtteile."
Fertige Konzepte werden dort ausdrücklich nicht präsentiert. Gefragt sind die Erfahrungen derjenigen, die ihren Stadtteil aus dem Alltag kennen. "Eine Stadtentwicklungsstrategie kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie gemeinsam entsteht", betont Projektkoordinatorin Alessa Strubel. "Jede Idee und jeder Hinweis hilft uns, die Weichen für die Zukunft unserer Stadt zu stellen."
Alle Termine
Die Werkstätten beginnen jeweils um 17.30 Uhr und dauern etwa zwei Stunden. Ausnahmen sind Block und Heimbach-Weis: Dort geht es um 18.30 Uhr los.
Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht nötig.
11. August: Altwied, Bürgerhaus
12. August: Segendorf, Bürgerhaus
17. August: Oberbieber, Bürgerhaus
19. August: Block, Bürgerhaus
20. August: Torney, Bürgerhaus
24. August: Irlich, Foyer der Mehrzweckhalle
1. September: Innenstadt, Volkshochschule
2. September: Niederbieber, Gemeindehaus
3. September: Rodenbach, AWO-Dorftreff
7. September: Heddesdorf, Gemeindehaus der Deichstadtkirche
8. September: Engers, Gemeindehaus
10. September: Feldkirchen, Gemeindehaus
14. September: Gladbach, Pfarrheim
17. September: Heimbach-Weis, Pfarrheim
Alle Informationen, Dokumentationen der bisherigen Veranstaltungen und Kontaktmöglichkeiten bündelt die Stadt unter neuwied.de/stadtentwicklungsstrategie. Anregungen nimmt die Projektkoordination auch direkt per Mail entgegen.