Rechtsextreme Netzwerke im Westerwald: Experte berichtet über Strukturen und Einschüchterungen
Bad Marienberg/Westerwald. Wie sind rechtsextreme Gruppierungen im Westerwald organisiert und welchen Einfluss haben sie auf das gesellschaftliche Zusammenleben? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Konferenz des Evangelischen Dekanats Westerwald. Sebastian Zahn, Vorstandsmitglied des Vereins Demos e. V., gab dabei Einblicke in die Entwicklung und Vernetzung der regionalen Szene.
Nach seiner Darstellung reichen die Strukturen bis in die frühen 2000er-Jahre zurück. Damals gehörte die sogenannte „Kameradschaft Westerwald“ zu den prägenden Gruppierungen der Region. Im Jahr 2005 löste sie sich im Zusammenhang mit strafrechtlichen Ermittlungen auf. Einzelne frühere Mitglieder seien laut Zahn jedoch weiterhin aktiv geblieben.
Rechtsextreme Gruppierungen seit Jahren in der Region aktiv
Nach einer zunächst ruhigeren Phase beobachtete Zahn ab 2015 eine erneute Zunahme entsprechender Aktivitäten. Im Zusammenhang mit den bundesweiten Pegida-Protesten kam es auch im Westerwald zu Demonstrationen, unter anderem gegen die damalige Flüchtlingsunterkunft am Stegskopf.
In dieser Zeit traten Gruppierungen wie „Bekenntnis Deutschland“ in Erscheinung. Später folgte unter anderem „Forke und Schaufel“. Auch die rechtsextremistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ wurde in der Region aktiv.
Dass diese Partei über regionale Strukturen verfügt, ist auch durch den Verfassungsschutz dokumentiert. Die Sicherheitsbehörden stufen „Der III. Weg“ als neonazistisch geprägt ein. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Innenministeriums verfügte die Partei im Jahr 2025 landesweit über rund 70 Mitglieder.
Polizeieinsatz in Hachenburg: Rund 130 Personen kontrolliert
Ein besonders bekanntes Beispiel für rechtsextreme Aktivitäten im Westerwald ist die ehemalige Fassfabrik in Hachenburg.
Das Gebäude entwickelte sich nach Erkenntnissen des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes ab 2019 zu einem überregionalen Treffpunkt verschiedener rechtsextremistischer Gruppierungen. Dort fanden unter anderem politische Veranstaltungen, Treffen und Kampfsporttrainings statt.
Am Abend des 5. Oktober 2024 führte die Polizei einen größeren Einsatz in dem Gebäude durch. Hintergrund waren Erkenntnisse über eine geplante Kampfsportveranstaltung aus dem rechtsextremen Spektrum.
Nach Angaben des Polizeipräsidiums Koblenz wurden knapp 130 Personen angetroffen. Einige Teilnehmer waren aus anderen Bundesländern und den Niederlanden angereist. Auch Minderjährige befanden sich unter den Anwesenden.
Die Beamten stellten zahlreiche Gegenstände mit rechtsextremistischem Bezug sicher. Außerdem wurden Verstöße gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz festgestellt. Bei der Kontrolle kamen mehr als 200 Einsatzkräfte verschiedener Behörden zum Einsatz.
Als Veranstalter identifizierte die Polizei einen regionalen Ableger der Partei „Der III. Weg“.
Fassfabrik wurde nach Razzia verkauft
Wenige Wochen nach dem Polizeieinsatz wurde bekannt, dass die Immobilie an eine Investorengruppe verkauft worden war.
Wie der SWR im Oktober 2024 berichtete, hatten bereits seit mehreren Monaten Verhandlungen über den Verkauf stattgefunden. Die Entscheidung führte dazu, dass die bisherigen rechtsextremen Nutzer ihre Räumlichkeiten aufgeben mussten.
Im Verfassungsschutzbericht 2024 bezeichneten die Sicherheitsbehörden die Fassfabrik als bedeutenden Knotenpunkt des Rechtsextremismus im nördlichen Rheinland-Pfalz.
Solche Immobilien sind für extremistische Gruppierungen nach Einschätzung des Verfassungsschutzes besonders relevant, da sie feste Treffpunkte schaffen und die Organisation von Veranstaltungen sowie die Vernetzung erleichtern.
Der Wegfall der Fassfabrik bedeutete daher einen Einschnitt für die regionale Szene. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass sämtliche rechtsextremen Aktivitäten im Westerwald beendet wurden.
Experte berichtet über Anfeindungen und Einschüchterungsversuche
Neben öffentlichen Demonstrationen und Veranstaltungen sprach Sebastian Zahn auch über weniger sichtbare Aktivitäten rechtsextremer Akteure.
Dazu gehören nach seinen Schilderungen Kampfsportveranstaltungen, interne Treffen und die Verbreitung extremistischer Inhalte über soziale Netzwerke.
Besonders kritisch bewertete Zahn gezielte Anfeindungen gegen Menschen, die sich politisch oder gesellschaftlich engagieren.
Nach seinen Beobachtungen würden persönliche Informationen einzelner Betroffener im Internet veröffentlicht, um diese einzuschüchtern. Auch Kirchen, Wohlfahrtsverbände und demokratische Initiativen seien wiederholt Ziel entsprechender Angriffe geworden.
Zahn kritisierte zudem parlamentarische Anfragen der AfD, durch die nach seiner Einschätzung zivilgesellschaftliche Vereine unter Druck gesetzt würden. Dabei handelt es sich um die Bewertung des Referenten.
Verfassungsschutz registriert mehr Rechtsextremisten in Rheinland-Pfalz
Auch die landesweiten Zahlen verdeutlichen die Bedeutung des Themas.
Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes stieg das geschätzte rechtsextremistische Personenpotenzial von 795 Menschen im Jahr 2024 auf rund 860 im Jahr 2025.
Die Zahl der als gewaltorientiert eingestuften Rechtsextremisten erhöhte sich im selben Zeitraum von 160 auf 180.
Bei den politisch rechts motivierten Straftaten wurde dagegen ein leichter Rückgang von 1.471 auf 1.444 Fälle registriert. Die Zahl der Gewalttaten ohne Sachbeschädigungen stieg jedoch von 53 auf 72.
Die Zahlen beziehen sich auf ganz Rheinland-Pfalz. Eine konkrete Aussage über die Anzahl rechtsextremistischer Personen im Westerwaldkreis lässt sich daraus nicht ableiten.
Der Verfassungsschutz weist zudem darauf hin, dass extremistische Gruppierungen verstärkt digitale Plattformen nutzen, um Kontakte aufzubauen und ihre Inhalte zu verbreiten.
Hunderte Menschen bei Demonstrationen im Westerwald
Neben den Aktivitäten rechtsextremer Gruppierungen thematisierte Zahn auch den gesellschaftlichen Protest gegen Extremismus.
In Hachenburg und Westerburg beteiligten sich in den vergangenen Jahren nach seinen Angaben Hunderte, teilweise Tausende Menschen an Demonstrationen für Demokratie und gesellschaftliche Vielfalt.
Einige dieser Veranstaltungen richteten sich gegen politische Versammlungen der AfD.
Auch kirchliche Organisationen beteiligten sich an entsprechenden Aktionen. Nach Zahns Darstellung führte dieses Engagement allerdings dazu, dass einzelne Einrichtungen und Vertreter selbst mit Anfeindungen konfrontiert wurden.
Austausch und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Zum Abschluss seines Vortrags ging Sebastian Zahn auf mögliche Wege im Umgang mit extremistischen Positionen ein.
Dabei unterschied er zwischen fest organisierten rechtsextremen Akteuren und Menschen, deren politische Ansichten noch nicht gefestigt seien.
Während er öffentliche Diskussionen mit führenden extremistischen Funktionären kritisch sieht, hält er Gespräche mit Menschen außerhalb gefestigter extremistischer Strukturen weiterhin für wichtig.
Die Entwicklungen im Westerwald zeigen, dass das Thema Rechtsextremismus die Region bereits seit vielen Jahren beschäftigt. Gleichzeitig verdeutlichen die dokumentierten Polizeieinsätze, die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes und das gesellschaftliche Engagement, dass sowohl Sicherheitsbehörden als auch zivilgesellschaftliche Organisationen die Situation aufmerksam verfolgen.