NeuwiedFM
On Air Freitag, 31. Juli 2026 --:--

Rheinpegel in Neuwied rutscht ins Minus – Rekordtief am Wochenende erwartet

Der Rhein steuert auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen zu. In der Region heißt das: Fähren nehmen keine schweren Fahrzeuge mehr mit, Ausflugsschiffe fallen aus.

Urmitzer Brücke
Foto: YouTube / Mario Frink

Neuwied/Koblenz. Der Rhein steuert auf den niedrigsten Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen zu: Am Pegel Neuwied Stadt wurde in der Nacht zum Freitag ein Wasserstand von minus acht Zentimetern gemessen, in Koblenz waren es 20, in Andernach 30 Zentimeter – Tendenz weiter fallend. Am maßgeblichen Pegel Kaub trennt den Fluss nur noch ein Zentimeter vom Allzeit-Tief; für Samstag sagt die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung einen neuen Rekord voraus. Die Folgen sind in der Region längst spürbar: Fähren nehmen keine schweren Fahrzeuge mehr mit, Ausflugsschiffe fallen aus, Frachter fahren mit einem Bruchteil ihrer Ladung.

Der Rekord ist zum Greifen nah

Der Pegel Kaub zwischen Bingen und Koblenz ist der Schlüsselwert für die gesamte Mittelrhein-Schifffahrt. Dort verläuft der Fluss durch die enge Felsenstrecke – wer von den Nordseehäfen in den industriellen Südwesten will, muss hier vorbei. Ende Juli wurden dort rund 27 Zentimeter gemessen, inzwischen sind es 26; wenige Tage zuvor waren es noch 55 Zentimeter. Der bisherige Rekordtiefstand: 25 Zentimeter am 22. Oktober 2018.

Bemerkenswert ist vor allem der Zeitpunkt. "Normalerweise spitzen sich die Niedrigwasser eher zum Sommerende zu. Wir sind damit sehr früh dran", sagte ein Sprecher des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Rhein. 2018 fiel der Tiefstwert ans Ende eines langen Trockensommers – diesmal ist es bereits Ende Juli so weit.

Neuwied im Minus

Die amtlichen Messwerte für das Mittelrheingebiet zeigen, wie ernst die Lage direkt vor der Haustür ist. Stand Freitag, 1 Uhr nachts:

Hochwassermeldedienst Rheinland-Pfalz

Alle Pegel fallen weiter, stündlich um rund einen Zentimeter.

Der Wert für Neuwied klingt dramatischer, als er ist – und muss erklärt werden: Ein Pegelstand ist keine Angabe der Wassertiefe, sondern die Höhe des Wassers über einem festgelegten Nullpunkt. Dieser Nullpunkt ist eine reine Rechengröße; das Flussbett liegt deutlich darunter. Ein Minuswert bedeutet also nicht, dass der Rhein bei Neuwied verschwunden wäre – er zeigt nur, dass der Wasserstand unter den Bezugspunkt gefallen ist. In der Fahrrinne steht weiterhin Wasser. Zum Vergleich: Am Niederrhein betrug die Fahrrinnentiefe bei einem Pegelstand von 1,60 Metern gleichzeitig 2,13 Meter.

Hinzu kommt: Der Pegel Neuwied Stadt wird vom Deichinformationszentrum Neuwied betrieben. Er ist in erster Linie ein Hochwasser- und Deichpegel – sein Nullpunkt wurde also mit Blick auf steigendes Wasser festgelegt und liegt entsprechend hoch. Bei extremem Niedrigwasser rutscht ein solcher Pegel schneller ins Minus als andere. Genau deshalb sind die Werte verschiedener Messstellen auch nicht miteinander vergleichbar: Neuwied steht bei minus acht Zentimetern, das nur rund 15 Kilometer entfernte Andernach gleichzeitig bei plus 30 – jeder Pegel hat seinen eigenen Nullpunkt. Die Neuwieder Messeinrichtung sitzt übrigens im Fundament des Pegelturms am Deich und wurde bereits 1931 errichtet.

Besonders eng wird es in Andernach: Mit 30 Zentimetern fehlen dort nur noch sechs Zentimeter zum Rekordtiefstand vom 22. Oktober 2018, als 24 Zentimeter gemessen wurden. Auch am Pegel Kaub trennen die aktuellen 26 Zentimeter nur ein einziger Zentimeter vom Allzeit-Tief.

Anders als bei Hochwasser gibt es bei Niedrigwasser übrigens kein Fahrverbot – jeder Schiffsführer entscheidet selbst, ab wann sich eine Fahrt nicht mehr lohnt.

Fähren: Gewichtsgrenzen für Autofahrer

Für Pendler und Ausflügler wird es konkret. Mehrere Rheinfähren in der Region haben ihren Betrieb eingeschränkt:

Die Fähre Bad Breisig–Bad Hönningen nimmt nur noch Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen Gesamtgewicht mit. Bei der Fähre Kripp–Linz liegt die Grenze sogar bei 3,5 Tonnen. Auf der Verbindung Rolandseck–Bad Honnef dürfen weder Lastwagen noch Sprinter, Wohnmobile oder Wohnwagen an Bord – nur Pkw bis etwa Bus-Größe.

Wer mit einem größeren Fahrzeug unterwegs ist, sollte also vorher prüfen, ob die Fähre ihn überhaupt mitnimmt – sonst droht ein weiter Umweg über die nächste Brücke.

Ausflugsschiffe fallen aus

Auch die Personenschifffahrt ist betroffen. Bei der Köln-Düsseldorfer ist das historische Schaufelraddampfschiff "Goethe" bis auf Weiteres außer Betrieb; ein Ersatzschiff übernimmt die Fahrten. Der Abschnitt Koblenz–Boppard entfällt morgens und abends, weitere Fahrten zwischen Koblenz und Rüdesheim wurden gestrichen. Einzelne Anleger sind gesperrt oder nur eingeschränkt anfahrbar, Landebrücken teils sehr steil.

Bei der Koblenzer Personenschifffahrt Gilles ist der Linienverkehr ab Vallendar eingestellt, einzelne Tagesfahrten wurden wegen Niedrigwasser abgesagt.

Wer eine Schiffstour plant, sollte deshalb unbedingt vorher beim Anbieter nachfragen.

Frachter fahren fast leer

Für die Binnenschifffahrt ist die Lage wirtschaftlich bitter. Ein Schiff, das normalerweise 3.000 Tonnen lädt, hat derzeit teils nur noch 800 bis 900 Tonnen an Bord – der Rest bleibt am Ufer. Die Reedereien erheben deshalb sogenannte Kleinwasserzuschläge; die Frachtraten sind drastisch gestiegen. Ein Tankschifftransport von Rotterdam nach Karlsruhe kostete Ende Juni noch rund 45 Euro je Tonne, inzwischen sind es 120 bis 125 Euro.

Betroffen sind vor allem schwere Güter: Chemie, Stahl, Mineralöl, Baustoffe, Getreide, Kohle. Was nicht aufs Schiff passt, muss auf Lastwagen oder die Schiene – doch auch dort sind die Kapazitäten begrenzt. Erschwerend kommt hinzu, dass die rechte Rheinstrecke zwischen Troisdorf und Wiesbaden seit dem 10. Juli wegen einer Generalsanierung für Güterzüge gesperrt ist. Damit fällt eine wichtige Ausweichroute ausgerechnet jetzt weg.

Volkswirtschaftlich könnte das messbar werden: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hält es für möglich, dass das Niedrigwasser die deutsche Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpft.

Warmes Wasser setzt den Fischen zu

Das Niedrigwasser kommt nicht allein – der Rhein ist auch außergewöhnlich warm. Bei Koblenz wurden Ende Juni 28 Grad gemessen. Als kritische Marke für Wasserlebewesen gelten 25 Grad; dieser Wert wurde nach Angaben des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums zuletzt zwar unterschritten, könnte in den kommenden Tagen aber wieder erreicht werden.

Die Kombination ist gefährlich: Je weniger Wasser fließt und je wärmer es ist, desto weniger Sauerstoff steht zur Verfügung. Für Fische bedeutet das erheblichen Stress.

Was der Fluss freigibt – Beobachtungen zwischen Neuwied und Urmitz

Zentimeterangaben sagen wenig – ein Blick auf den Fluss umso mehr. Wie weit sich das Wasser zurückgezogen hat, dokumentieren zwei aktuelle Videos aus der Region:

Besonders eindrücklich ist die Lage an der Urmitzer Eisenbahnbrücke: Deren Pfeiler werden normalerweise komplett vom Rhein umspült – jetzt stehen sie zu großen Teilen im Trockenen, alte Fundamente und Sedimentschichten liegen offen. Auch am Rhein bei Neuwied haben sich weite Kies- und Schotterbänke gebildet; Buhnen, die sonst als Steinwälle in den Strom ragen und die Strömung lenken, sind inzwischen direkt mit dem Ufer verbunden. Spaziergänger können stellenweise weit ins Flussbett laufen.

An der Moselstaustufe in Koblenz treten Felsformationen und Grundstrukturen zutage, die sonst tief im Flussbett liegen. Kleine Steininseln, die nur bei extremem Niedrigwasser erscheinen, werden von Tag zu Tag größer. Auf den freigefallenen Steinen liegen dicke Matten aus vertrockneten Algen und Wasserpflanzen, dazwischen Muschelschalen und Treibgut – ein sichtbares Zeichen dafür, wie schnell der Lebensraum im Fluss schrumpft.

In den Videos tauchen im trockengefallenen Bett auch Fundstücke auf, die dort nicht hingehören: von einer Autobatterie bis zu einem alten Grabstein.

Gesperrt: Das Naturschutzgebiet Urmitzer Werth

Bei aller Faszination – nicht alles, was jetzt zu Fuß erreichbar ist, darf auch betreten werden. Ein Teil der freigefallenen Flächen gehört zum Naturschutzgebiet Urmitzer Werth. Dort gilt das Betretungsverbot unabhängig vom Wasserstand: Die Kiesflächen und Uferzonen sind Rückzugsraum für Vögel und seltene Pflanzen, die gerade in einer solchen Extremphase besonders empfindlich sind.

Beobachtet wurden zuletzt außerdem Feuerstellen in den ausgetrockneten Uferbereichen. Bei der aktuellen Hitze und Trockenheit ist das brandgefährlich – offenes Feuer hat dort nichts zu suchen.

Vorsicht bei Funden im Uferbereich

Wo das Wasser zurückweicht, kommt mitunter Altes zum Vorschein – auch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Behörden warnen eindringlich: Verdächtige Gegenstände niemals berühren, bewegen oder mitnehmen. Wer etwas findet, verständigt am schnellsten die Polizei über den Notruf 110; der Kampfmittelräumdienst übernimmt dann.

Wie ernst das ist, weiß man in Koblenz aus eigener Erfahrung: 2011 legte Niedrigwasser im Rhein eine britische Luftmine frei. Für die Entschärfung mussten rund 45.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen – die größte Evakuierung der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg.

Baden bleibt lebensgefährlich

Ein Irrtum, der jeden Sommer Menschenleben kostet: Weniger Wasser bedeutet nicht weniger Gefahr. Strömungen können sich bei Niedrigwasser verlagern und sogar heftiger ausfallen als bei normalem Wasserstand. Hinzu kommt die Sogwirkung vorbeifahrender Schiffe, die Schwimmende unter Wasser ziehen kann. 100 Meter ober- und unterhalb von Häfen, Brücken, Anlegestellen und Schleusen gilt ohnehin ein gesetzliches Badeverbot. DLRG und Wasserwacht raten grundsätzlich davon ab, in Flüssen zu schwimmen – das Freibad oder ein bewachter Badesee sind die sichere Alternative.

Die Mosel bleibt stabil

Anders sieht es an der Mosel aus, die bei Koblenz in den Rhein mündet: Dort halten neun Staustufen zwischen Trier und Koblenz den Wasserstand konstant. Am Pegel Cochem liegt der Wert nahe dem Stauziel von 220 Zentimetern. Von einem historischen Tief kann an der Mosel also keine Rede sein – mittelbar leidet sie dennoch, weil Transporte von und zur Mosel den Rhein queren müssen.

Hilft nur Regen

Eine schnelle Entspannung ist nicht in Sicht. Für die erste Augusthälfte erwarten die Wetterdienste überwiegend trockenes Hochdruckwetter. Punktuelle Gewitter reichen nicht – nötig wäre mehrtägiger, großflächiger Landregen im gesamten Einzugsgebiet bis in die Alpen. Zwei Tage kräftiger Regen können die Pegel zwar rasch steigen lassen, wie es 2022 der Fall war. Bleibt es trocken, droht ein Szenario wie 2018, als sich die Lage erst im November entspannte.

Längerfristig soll die Fahrrinne des Mittelrheins zwischen Budenheim und St. Goar um 20 Zentimeter vertieft werden, damit Schiffe bei Niedrigwasser mehr laden können. Mit der Umsetzung wird allerdings nicht vor 2033 gerechnet.

Wie findest du das?
Mehr

Das könnte dich auch interessieren

NeuwiedFM Der Sound für Neuwied