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"Nur ein zerbrochener Typ" – Vor acht Jahren stahl ein Gepäckarbeiter ein Flugzeug

Heute vor acht Jahren stahl ein Gepäckarbeiter in Seattle ein Flugzeug – und sprach dabei so freundlich mit den Fluglotsen, dass Millionen Menschen bewegt waren. Die Geschichte von Richard Russell.

Ein Flugzeug führt während einer Flugshow in La Ferté-Alais, Frankreich, ein akrobatisches Manöver vor einer Kulisse aus Wolken und blauem Himmel durch.
Foto: DIDIER BARBARAT / Pexels

Seattle. Es ist der Abend des 10. August 2018, kurz nach halb acht. Auf dem Vorfeld des Flughafens Seattle-Tacoma rollt eine Propellermaschine der Horizon Air Richtung Startbahn. Im Cockpit sitzt ein Mann, der noch nie ein Flugzeug geflogen hat. Er ist 28 Jahre alt, arbeitet in der Gepäckabfertigung – und er wird an diesem Abend sterben.

Was in den folgenden 73 Minuten geschieht, verfolgen Millionen Menschen später in Aufnahmen des Funkverkehrs. Es ist eine der ungewöhnlichsten und traurigsten Geschichten der jüngeren Luftfahrtgeschichte. Sie handelt weniger von einem Flugzeugdiebstahl als von einem Menschen in einer Krise, die niemand kommen sah.

Ein unauffälliger Abend

Richard Russell, von allen "Beebo" genannt, erreicht an diesem Freitag um 14.36 Uhr die Sicherheitskontrolle für Mitarbeiter. Nichts fällt auf. Er hat Dienst, wie an vielen Tagen zuvor.

Gegen 19.19 Uhr steigt er in eine leere Bombardier Q400. Die Maschine war mittags aus Kanada gekommen und für keinen weiteren Flug vorgesehen. Russell startet die Triebwerke, steigt noch einmal aus, dreht das Flugzeug mit dem Schleppfahrzeug in Richtung Rollbahn – seine tägliche Arbeit – und steigt wieder ein.

Um 19.33 Uhr hebt die Maschine ab. Unbefugt. Niemand hält ihn auf.

"Ich habe ein paar Schrauben locker"

Was dann folgt, ist das eigentlich Erschütternde. Russell nimmt Funkkontakt mit der Flugsicherung auf. Und statt Panik oder Aggression hören die Lotsen einen freundlichen, fast schüchternen jungen Mann.

"Ich habe eine Menge Menschen, die sich um mich sorgen", sagt er an einer Stelle. "Und es wird sie enttäuschen, zu hören, dass ich das getan habe. Ich möchte mich bei jedem Einzelnen von ihnen entschuldigen."

An anderer Stelle: "Bloß ein zerbrochener Typ, hab wohl ein paar Schrauben locker. Wusste es nie wirklich – bis jetzt."

Er macht Witze über seine Flugkenntnisse: "Ich habe früher Videospiele gespielt, also weiß ich so ein bisschen, was ich tue." Er fragt nach den Koordinaten eines Orcas, der damals in den Schlagzeilen war. Er entschuldigt sich für den Ärger, den er verursacht. Und er lobt den Lotsen: "Sie sind sehr ruhig, gefasst, gelassen."

Die Fluglotsen versuchen, ihn zum Landen zu bewegen. Sie bieten ihm die nahe Militärbasis an. Russell lehnt ab: "Die würden mich verprügeln, wenn ich dort zu landen versuchte." Und schließlich: "Ich hatte eigentlich nicht vor, sie zu landen."

Zwei Kampfjets der Nationalgarde steigen auf und begleiten die Maschine.

Über dem Puget Sound fliegt Russell eine Fassrolle – ein Manöver, das ein erfahrener Pilot später als "ziemlich gut ausgeführt" bezeichnet. Um 20.46 Uhr brechen die Flugdaten ab. Die Maschine stürzt auf Ketron Island, eine dünn besiedelte Privatinsel. Außer Russell kommt niemand zu Schaden.

Die Frage, die viele beschäftigt

War es ein Suizid? Russell sprach im Funk mehrfach über eine mögliche Landung – das nährte Zweifel.

Die Antwort der Behörden ist eindeutig, aber differenziert. Die Rechtsmedizin von Pierce County stufte die Todesart als Suizid ein. Das FBI, das die Ermittlungen führte, kam nach Auswertung des Flugdatenschreibers zu dem Schluss, der letzte Sinkflug sei absichtlich erfolgt. Die Ermittler hielten fest: Hätte Russell den Aufprall vermeiden wollen, hätte er Zeit und Energie gehabt, die Maschine wieder hochzuziehen.

Bemerkenswert ist, was die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB tat – nämlich bewusst nichts. In ihrem Bericht steht ausdrücklich, sie habe keine wahrscheinliche Unfallursache ermittelt, weil die Zuständigkeit beim FBI lag. Die Behörde leistete nur technische Amtshilfe.

Ein klares Motiv fanden die Ermittler nie. Das FBI hielt fest, kein Element habe eine eindeutige Erklärung geliefert.

Wer war Richard Russell?

Er wuchs in Alaska auf, war ein beliebter Sportler an der Highschool. Beim Studium lernte er seine Frau Hannah kennen; die beiden heirateten 2012 und betrieben eine Zeit lang eine kleine Bäckerei in Oregon. 2015 zogen sie nach Washington, näher zu Hannahs Familie. Dort begann er bei Horizon Air.

Er war rund vier Jahre dabei, bewegte Flugzeuge auf dem Vorfeld, half beim Gepäck. Nebenbei studierte er und schloss 2017 in Sozialwissenschaften ab. Er hoffte auf eine Führungsposition. Er engagierte sich in seiner Kirche und in der Jugendarbeit. Kollegen beschrieben ihn als ruhig und beliebt.

Erst später wurde bekannt, wie es ihm in den Tagen zuvor ging. Aus Akten, die das FBI 2022 freigab, geht hervor: Eine Woche vor dem Flug erschien er nicht zur Arbeit und sagte, er habe das Gefühl, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. Freunde und Angehörige versuchten wenige Tage später ein Gespräch, weil er merkwürdig und ausweichend wirkte und mehr trank als sonst. Danach schien er wieder in Ordnung. Er litt an Depressionen. Nach außen sah man es kaum.

Die Familie ließ am Tag danach eine Erklärung verlesen: "Wir sind fassungslos und untröstlich. Beebo war ein warmherziger, mitfühlender Mann. Er war ein treuer Ehemann, ein liebevoller Sohn und ein guter Freund." Und: "Wie die Aufnahmen zeigen, war es nicht Beebos Absicht, jemandem zu schaden."

Wie konnte das passieren?

Russell brach nicht ein. Er hatte einen gültigen Ausweis, war überprüft, durfte dort sein. Bis zum Diebstahl verletzte er keine einzige Sicherheitsvorschrift. Die Maschine brauchte keinen Schlüssel – nur die richtige Schalterfolge.

Der Fall brachte ein Problem ans Licht, das die Branche seither beschäftigt: die Bedrohung von innen. Ein früherer FBI-Agent brachte es auf den Punkt: Die größte Gefahr für die Luftfahrt sei der Insider. Und er fügte hinzu, was viele dachten: Ein Mensch mit diesen Fähigkeiten und anderen Absichten hätte die Maschine in ein Gebäude steuern können.

Der Flughafen betonte, alle Protokolle seien eingehalten worden. Man sprach von einem Ereignis, das es so nur einmal unter einer Million gebe – wolle aber daraus lernen. In einem internen Bericht, der erst später bekannt wurde, empfahlen die Verantwortlichen unter anderem, Beschäftigten mit Zugang zu Sicherheitsbereichen psychologische Angebote zu machen.

Der Flughafen installierte mehr Kameras, verschärfte Zugangsregeln und schränkte Alleinarbeit ein. Die Fluggesellschaft ließ ihre Sicherheitsabläufe überprüfen und baute Hilfsangebote für Mitarbeiter aus. Eine flächendeckende Pflicht, geparkte Flugzeuge zu verriegeln, gibt es bis heute nicht.

Warum so viele Mitgefühl empfanden

Nach dem Absturz geschah etwas Ungewöhnliches: Im Netz wurde Russell zur Figur. Man nannte ihn "Sky King", es entstanden Memes, T-Shirts, Lieder. Manche stilisierten ihn zum Rebellen gegen ein System, das Menschen ausbrennt.

Fachleute sehen das kritisch. Denn hier wird ein Suizid zur Heldengeschichte umgedeutet – und das kann gefährlich sein. Zugleich lässt sich das Mitgefühl erklären: Man hörte einen Menschen, der klang wie jeder andere. Der sich entschuldigte. Der Angst hatte. Der nicht wollte, dass jemand zu Schaden kommt.

Der Psychologe Glenn Sullivan schrieb wenige Wochen danach, viele Menschen suchten nach einer Diagnose, weil sie Abstand schaffe – nach dem Muster: So etwas tun nur die anderen. Tatsächlich sei Russell "ein Mensch wie wir" gewesen. Seine Mahnung: Misstrauen Sie einfachen Erklärungen für menschliches Verhalten.

In diesem Jahr ist der Fall wieder präsent. Im April erschien eine Dokumentation, in der erstmals Angehörige und beteiligte Fluglotsen sprechen. Sie erzählt die Geschichte bewusst anders als der Internet-Mythos: nicht als Abenteuer, sondern als das, was sie war.

Was bleibt

Acht Jahre später bleibt vor allem eine Frage: Wie kann jemand so verzweifelt sein, ohne dass es jemand merkt? Russell hatte eine Frau, Familie, Freunde, eine Gemeinde. Er war beliebt. Und er fand keinen Weg, darüber zu sprechen.

In der Luftfahrt ist das ein bekanntes Problem. Wer psychische Schwierigkeiten offenlegt, fürchtet um seinen Job. Genau deshalb schweigen viele. Die US-Luftfahrtbehörde arbeitet seit Jahren daran, diese Hürde abzubauen – bis heute ohne durchgreifenden Erfolg.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus jenem Abend über dem Puget Sound. Nicht die Sicherheitslücke am Zaun. Sondern die im Umgang miteinander.

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