Cyberangriff legt Rumäniens Immobilienmarkt lahm – Hacker löscht Grundbuch-Datenbank
Bukarest. Ein einzelner Hacker hat in Rumänien geschafft, was kaum vorstellbar schien: Er hat die zentrale Grundbuch-Datenbank des Landes angegriffen und damit den gesamten Immobilienmarkt zum Stillstand gebracht. Seit dem 14. Juli sind die Systeme der nationalen Kataster- und Grundbuchbehörde ANCPI offline. Notare können keine Immobilienkäufe mehr beurkunden, Bürger keine Eigentumsnachweise abrufen – landesweit ruhen die Geschäfte.
Der Angreifer verschaffte sich nach Erkenntnissen von IT-Sicherheitsexperten zunächst mit gültigen Zugangsdaten Zutritt zu den Systemen der Behörde und sah sich dort in Ruhe um. Er kopierte Daten und versuchte, die Behörde zu erpressen. Als das scheiterte, schlug er zurück: Er löschte Systeme und die dazugehörigen Sicherungskopien. Im Untergrund brüstete er sich später damit, auch die Backups manipuliert zu haben, um eine Wiederherstellung zu verhindern.
Entwarnung bei den Kerndaten
Ganz so dramatisch wie zunächst befürchtet ist die Lage nach offiziellen Angaben aber nicht. Die eigentlichen Grundbuchdaten der Bürgerinnen und Bürger sind offenbar nicht verloren: Ein physisch getrennt aufbewahrtes Backup blieb vom Angriff unberührt. ANCPI erklärte, die zentralen Datenbanken seien nicht kompromittiert worden; man sei „zu 99,9 Prozent sicher”, dass die Kern-Datenbank nicht geknackt wurde. Betroffen seien vor allem Anwendungen, die auf diese Daten zugreifen.
Die Behörde hatte den Vorfall zunächst als bloßes „technisches Problem” dargestellt, musste dann aber einräumen, Opfer eines Cyberangriffs geworden zu sein. Inzwischen arbeiten Fachleute der Behörde, des nationalen Cybersicherheitsdirektorats DNSC und weiterer Stellen an der Wiederherstellung. Die Anwendungen sollen in eine staatliche Cloud umgezogen werden; die Dienste sollen anschließend schrittweise wieder anlaufen. Einen festen Termin, wann alles wieder normal läuft, gibt es allerdings nicht.
Ein vermeidbarer Angriff
Besonders bitter: Der Angriff hätte nach Einschätzung der Behörden verhindert werden können. Der Chef des Cybersicherheitsdirektorats, Dan Cîmpean, nannte die Attacke „nicht sehr komplex”. Ausgenutzt worden seien bekannte Sicherheitslücken, auf die man erst kurz zuvor hingewiesen hatte, in Kombination mit gestohlenen Zugangsdaten, die im Netz kursierten. „Der Angreifer hatte Glück”, so Cîmpean. Personenbezogene Daten von Bürgern seien nach bisherigem Stand nicht abgeflossen.
Als mutmaßlicher Täter gilt ein unter dem Namen „ByteToBreach” bekannter Einzeltäter, der finanziell motiviert sein soll – Hinweise auf einen staatlichen Akteur gibt es nicht. Eine strafrechtliche Untersuchung läuft.
Schlechtes Timing für Käufer
Für viele Rumänen kommt der Stillstand zur Unzeit. Zum 1. August steigt die Mehrwertsteuer auf neue Wohnimmobilien deutlich – von neun auf 21 Prozent. Wer seinen Kauf jetzt nicht rechtzeitig abschließen kann, weil die Behörde lahmliegt, dem drohen erhebliche Mehrkosten. Immobilienverbände forderten deshalb bereits eine Fristverlängerung.
Was andere daraus lernen können
Der Fall führt eindrücklich vor Augen, worauf es bei der Datensicherung ankommt: Sicherungskopien, die online erreichbar und mit denselben Zugangsdaten wie das Hauptsystem geschützt sind, überstehen einen solchen Angriff nicht. Nur ein vom Netz getrenntes Offline-Backup rettete am Ende Rumäniens Grundbuchdaten. Fachleute verweisen seit Langem auf die Grundregel, wichtige Daten mehrfach und mindestens eine Kopie physisch getrennt aufzubewahren.
Rumänien ist kein Einzelfall: Auch in der Slowakei und in der Ukraine wurden zuletzt nationale Immobilienregister zum Ziel von Cyberangriffen. Nationale Register geraten damit zunehmend ins Visier – ein Weckruf auch für Behörden anderswo.