Erstmals aus Europa: Deutsche Rakete bringt Satelliten in den Orbit
Andøya. Ein bayerisches Start-up hat Raumfahrtgeschichte geschrieben: Die Rakete "Spectrum" von Isar Aerospace hat den Erdorbit erreicht und fünf Satelliten ausgesetzt. Es ist der erste kommerzielle Satellitenstart vom europäischen Festland überhaupt. Kanzler Friedrich Merz sprach vom "Beginn einer neuen Ära".
Der Flug
Um 22.12 Uhr hob die Rakete am Freitagabend vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya ab – von einem Startkomplex, den Isar Aerospace selbst betreibt.
Nach rund vier Minuten war der Orbit erreicht. Die fünf Satelliten an Bord wurden wie geplant ausgesetzt.
Gemeinsam mit den Kunden arbeitet das Unternehmen nun daran, den Status der Satelliten zu bestätigen – also zu prüfen, ob sie funktionsfähig sind und Kontakt aufnehmen.

Was daran neu ist
Isar Aerospace ist damit das erste kommerzielle Raumfahrtunternehmen aus Europa, das Satelliten erfolgreich in eine Umlaufbahn gebracht hat.
"Heute hat Isar Aerospace den Zugang zum All vom europäischen Festland aus eröffnet", sagte Geschäftsführer und Mitgründer Daniel Metzler. "Der Start bleibt das größte Nadelöhr der globalen Raumfahrtindustrie, und ab heute gibt es eine echte Alternative für kommerzielle und institutionelle Kunden."
Der Unterschied zum ersten Versuch
Im März 2025 hatte das Unternehmen es schon einmal probiert. Damals dauerte der Flug 30 Sekunden: Die Rakete kippte, stürzte ins Meer und explodierte beim Aufprall.
Metzler nannte auch das damals einen Erfolg – man habe Daten gesammelt und das Flugabbruchsystem validiert. Für ein Unternehmen, das seine erste Rakete verliert, ist das die einzig sinnvolle Haltung.
Der zweite Anlauf wurde mehrfach verschoben: wegen Wetter, wegen eines fehlerhaften Druckventils – und einmal wegen eines Bootes, das ins Sperrgebiet geraten war.
Was Spectrum kann
Die zweistufige Rakete ist 28 Meter hoch und für kleine und mittlere Satelliten ausgelegt. Sie bringt bis zu 700 Kilogramm in einen sonnensynchronen Orbit, in tiefere Umlaufbahnen bis zu einer Tonne.
Der Antrieb nutzt Propan und flüssigen Sauerstoff – das soll den Schadstoffausstoß gegenüber herkömmlichen Treibstoffen senken.
Beim Flug durchlief die Rakete erfolgreich die Phase des maximalen aerodynamischen Drucks, in der Fachsprache MaxQ. Das ist der Moment der größten mechanischen Belastung – und für viele Raketen der kritischste.
Warum das über die Firma hinausgeht
Europa hat ein strukturelles Problem: Es fehlt an eigenen Startmöglichkeiten für kleine Satelliten. Wer etwas ins All bringen will, ist auf amerikanische Anbieter angewiesen – vor allem auf SpaceX.
Genau diese Lücke will Isar Aerospace füllen. Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat dem Unternehmen bereits zwei Aufträge erteilt – der erste derartige Vertrag mit einem privaten europäischen Raumfahrtunternehmen.
Nach Angaben Metzlers liegen Absichtserklärungen über ein Auftragsvolumen von fast einer Milliarde Euro vor.
Für Europa geht es dabei nicht nur ums Geschäft, sondern um Unabhängigkeit. Wer keine eigenen Trägerraketen hat, ist bei Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation von anderen abhängig.
Das Unternehmen
Isar Aerospace wurde 2018 gegründet und sitzt in Ottobrunn bei München. Inzwischen arbeiten dort über 400 Menschen aus mehr als 50 Nationen an fünf Standorten.
Zu den Investoren zählt unter anderem Porsche.
Dass ein sieben Jahre altes Unternehmen Satelliten in den Orbit bringt, ist ein Tempo, das in der klassischen Raumfahrt unbekannt war. Zum Vergleich: Die europäische Ariane-Familie wurde über Jahrzehnte von staatlich getragenen Konsortien entwickelt.
Auch das Vorbild aus den USA brauchte länger: SpaceX wurde 2002 gegründet und erreichte den Orbit erstmals im September 2008 – nach sechs Jahren und drei gescheiterten Versuchen. Isar Aerospace gelang es im zweiten Anlauf.
Wie es weitergeht
Der Flug war eine Qualifikationsmission – der Nachweis also, dass das System funktioniert.
Ab 2026 soll Spectrum Satelliten für kommerzielle Kunden transportieren, unter anderem für die Anbieter ISISpace und Infinite Orbits.
Weitere Raketen sind bereits in Produktion.