„Gen Z regelt": Tausende demonstrieren – auch in Mainz und Köln
Mainz/Köln. In 34 deutschen Städten sind am Samstag junge Menschen auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten gegen steigende Lebenshaltungskosten, Kürzungen bei Bildung und Sozialem und gegen die geplante Wehrpflicht. Gekommen sind deutlich weniger als angekündigt. Am Abend kippte die Stimmung in mehreren Städten: In Frankfurt, Köln und Hamburg setzte die Polizei Wasserwerfer ein, in Frankfurt wurden mehrere Beamte verletzt. Die nächstgelegenen Demonstrationen fanden in Mainz und Köln statt.
Worum es ging
Hinter dem Aufruf steht die Initiative „Gen Z regelt". Ihre Forderungen drehen sich um das, was junge Menschen im Alltag trifft: bezahlbares Wohnen, mehr Geld für Schulen, kürzere Wartezeiten bei Psychotherapie, mehr Klimaschutz.
Dazu kommen zwei politische Punkte: Ablehnung der geplanten Wehrpflicht und Ablehnung erweiterter staatlicher Überwachung.
Auf den Schildern in Mainz stand unter anderem „Wehrpflicht ab 67!" und „Die Jugend schuldet keinem Ruhe."
Die Zahlen bleiben hinter den Ankündigungen zurück
Das ist der auffälligste Punkt des Tages.
Auf der Internetseite der Initiative hatten bis 14 Uhr gut 182.000 Menschen angeklickt, dass sie kommen. Allein für die vier größten Städte waren mehr als 50.000 angemeldet.
Tatsächlich kamen nach Angaben der Polizei deutlich weniger. Die folgenden Werte sind Höchststände im Tagesverlauf:
Berlin: bis zu 5.000 am Brandenburger Tor (Veranstalter: über 11.000)
Frankfurt: rund 8.000 (Veranstalter: 9.000) – angemeldet waren über 12.000
Leipzig: rund 6.000 (Angabe der Stadt)
Freiburg: rund 3.500
Hamburg: eine mittlere vierstellige Zahl (Veranstalter: 6.000 bis 7.000)
München: je nach Zwischenstand zwischen 1.800 und 4.000
Köln: mehrere Tausend – „deutlich" unter den angemeldeten 15.000
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens liegen die Zahlen von Polizei und Veranstaltern wie immer auseinander. Zweitens sind alle Angaben vorläufig; die Polizei legt ihre Bilanzen meist erst am Folgetag vor.
An der Richtung ändert das nichts: Es kamen weniger als angekündigt.
Mainz: 1.200 Menschen auf dem Gutenbergplatz
In Rheinland-Pfalz war Mainz der Ort der Proteste. Rund 1.200 Menschen versammelten sich nach Polizeiangaben auf dem Gutenbergplatz. Über die Internetseite der Initiative hatten sich für Mainz mehr als 4.000 angemeldet.
Nach der Kundgebung zogen mehrere Hundert Teilnehmer ohne Anmeldung durch die Innenstadt. Die Polizei begleitete den Zug und stoppte ihn anschließend. Am Hauptbahnhof löste er sich mit noch etwa 400 Teilnehmern auf.
Die Polizei bezeichnete den Verlauf als weitgehend friedlich. Es gab einzelne vermummte Personen und Pyrotechnik. Durch die Sperrungen kam es in der Innenstadt zu Behinderungen bei Bussen und Straßenbahnen.
Die Landesschüler*innenvertretung Rheinland-Pfalz unterstützt die Bildungsforderungen. Ihre Begründung: „Wenn junge Menschen nicht mehr daran glauben, etwas bewirken zu können, entsteht Resignation."
Köln: Wasserwerfer am Abend
In der nächstgelegenen Großstadt lief es anders.
Die Polizei hatte einen Aufzug bereits am Nachmittag abgebrochen – wegen Pyrotechnik und Verstößen gegen das Vermummungsverbot. Am Abend setzte sie einen Wasserwerfer gegen gewaltbereite Demonstranten ein, nachdem Böller gezündet und nach Polizeiangaben Beamte mit Pyrotechnik angegriffen worden waren.
Gekommen waren nach Polizeiangaben mehrere Tausend Menschen – deutlich weniger als die angemeldeten 15.000.
Wo es eskalierte
In drei Städten setzte die Polizei Wasserwerfer ein: in Frankfurt, Köln und Hamburg.
Frankfurt: Die Polizei löste die Demonstration auf, nachdem wiederholt Böller und Steine geworfen worden waren. Wasserwerfer kamen zum Einsatz. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sprach von mehreren verletzten Beamten, einer davon möglicherweise schwer. Nach seiner Einschätzung waren rund 100 gewaltbereite Linksextremisten beteiligt.
Hamburg: Am Ende des Zuges türmten Teilnehmer Baustellenabsperrungen auf und zündeten sie teilweise an. Andere Demonstranten löschten die Feuer selbst. Die Polizei zog Kräfte zusammen und setzte einen Wasserwerfer sowie unmittelbaren Zwang ein.
Berlin: Die Kundgebung am Brandenburger Tor verlief nach Polizeiangaben nahezu störungsfrei. Bei einer Abenddemonstration, die auf rund 3.000 Teilnehmer anwuchs, wurden Böller auf Polizisten und ein Einsatzfahrzeug geworfen.
Stuttgart: Die Polizei stoppte den Zug mehrfach wegen vermummter Teilnehmer.
Einzuordnen ist das so: Die Zwischenfälle gingen von vergleichsweise kleinen Gruppen aus. Der weitaus größte Teil der Demonstrationen verlief friedlich – und in vielen Städten gab es gar keine Zwischenfälle.
Das Vorbild kommt aus Frankreich
Die Bewegung ist nicht in Deutschland entstanden. Seit dem vergangenen Jahr gehen in verschiedenen Ländern junge Menschen unter dem Stichwort „Gen Z" auf die Straße – zuerst in Nepal und Indonesien, später in Madagaskar, Marokko, Peru und Mexiko. Die Anlässe unterscheiden sich, der Kern ähnelt sich: junge Leute, die sich von der Politik nicht vertreten sehen, organisiert über soziale Netzwerke.
In Frankreich demonstrierten am selben Samstag nach Angaben des Innenministeriums 320.000 Menschen, davon 70.000 in Paris. Es war dort bereits das dritte Protestwochenende in Folge. In Paris und Lyon setzte die Polizei Tränengas ein, in Marseille brannten Gegenstände. 27 Menschen wurden bis zum Mittag festgenommen – eine Woche zuvor waren es im selben Zeitraum noch 217 gewesen.
In Italien waren bereits am Freitag nach offiziellen Angaben mehr als 100.000 junge Menschen auf der Straße.
Was offen bleibt
Die Teilnehmerzahlen sind vorläufig und werden sich in den nächsten Tagen noch verschieben. Auch die Bilanz der Polizei – wie viele Beamte verletzt wurden, wie viele Festnahmen es gab – liegt noch nicht vollständig vor.
Offen ist vor allem, ob es bei diesem einen Samstag bleibt. Die Initiative hat bislang keinen Folgetermin genannt.