Über 30 Orte betroffen: Sabotage legt niederländisches Bahnnetz lahm
Amsterdam. Unbekannte haben in den Niederlanden an mehr als 30 Stellen Stahlrohre an Bahngleisen befestigt und damit den Zugverkehr im halben Land zum Erliegen gebracht. Ein Zug kollidierte mit einem der Rohre. Die Sabotage lief auch am Nachmittag noch weiter – an Stellen, an denen Mitarbeiter bereits Rohre entfernt hatten, tauchten neue auf. Der niederländische Geheimdienst ermittelt mit.
Was geschah
Um 5.30 Uhr entdeckten Bahnmitarbeiter bei einer Kontrolle die ersten Rohrstücke an den Schienen.
Es handelt sich um Stahlrohre von bis zu zwei Metern Länge. Allein in der Provinz Gelderland wurden sie an mindestens fünf Stellen gefunden.
Bei Steenwijk in der Provinz Overijssel prallte ein Zug gegen eines der Rohre. Verletzt wurde niemand.
"Es ist klar, dass die Materialien dort vorsätzlich platziert wurden", sagte ProRail-Sprecherin Joke van der Cruysen. "Wir stufen das daher als Sabotage der Bahngleise ein."
Warum ein Rohr ein ganzes Netz lahmlegt
Die Wirkung beruht auf einem simplen physikalischen Effekt.
Zwischen den beiden Schienen fließt ein schwacher Strom. Fährt ein Zug darüber, schließen dessen Achsen den Stromkreis kurz – so erkennt das System, dass der Abschnitt belegt ist, und stellt die Signale auf Rot.
Ein Stahlrohr auf den Schienen bewirkt dasselbe. Für die Technik sieht es aus, als stünde dort ein Zug. Die Strecke wird gesperrt, obwohl sie frei ist.
Das System ist bewusst so gebaut: Im Zweifel bleibt alles stehen. Genau das macht es sicher – und zugleich leicht störbar.
Die Sabotage ging weiter
Besonders beunruhigend: Der Angriff war mit dem Morgen nicht vorbei.
Nach Angaben von ProRail wurden im Lauf des Tages an Stellen neue Rohre gefunden, an denen Mitarbeiter bereits welche entfernt hatten. Die Sprecherin rechnete damit, dass weitere Fundorte hinzukommen würden.
Was betroffen war
Am schwersten traf es die Verbindungen Amersfoort–Zwolle, Utrecht–Arnheim, Arnheim–Zutphen und Zwolle–Leeuwarden.
Rund um die Knotenpunkte Zwolle, Deventer und Amersfoort brach der Berufsverkehr zusammen. Betroffen waren auch Strecken zum Flughafen Schiphol und internationale Verbindungen nach Deutschland.
Ersatzverkehr mit Bussen richtete die Bahngesellschaft NS nicht ein – die Störung sei zu weitflächig.
Auch die Reiseplaner-App fiel während des Berufsverkehrs aus.
Auch der Straßenverkehr stand
Ein Nebeneffekt traf Autofahrer: Weil die Sicherungstechnik gestört war, blieben an mehreren Bahnübergängen die Schranken dauerhaft unten.
Das legte in den betroffenen Gebieten auch den Straßenverkehr lahm.
Der Tag war kein Zufall
Die Sabotage fiel auf den Prinsjesdag – den Tag, an dem in Den Haag das Parlament eröffnet und der Haushalt vorgestellt wird. Es ist einer der wichtigsten politischen Termine des Jahres.
Am selben Tag protestierten Landwirte gegen die Haushaltspläne der Regierung. Sie zündeten an mehreren Autobahnen Heuballen und Reifen an, Straßen mussten gesperrt werden.
Die Bauernorganisation Farmers Defense Force erklärte, für die Bahnsabotage nicht verantwortlich zu sein. Sie könne allerdings nicht ausschließen, dass einzelne Landwirte auf eigene Faust gehandelt hätten.
Hintergrund des Protests sind Pläne zur Wiederherstellung von Naturschutzgebieten. Die Regierung hat betroffenen Betrieben finanzielle Entschädigung zugesagt.
Wer ermittelt
Neben Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt auch der niederländische Inlandsgeheimdienst AIVD.
Dass der Nachrichtendienst eingeschaltet wird, deutet darauf hin, dass die Behörden auch einen staatlichen oder extremistischen Hintergrund nicht ausschließen.
ProRail wies seine Mitarbeiter an, die gefundenen Materialien als mögliche Beweismittel zu behandeln – Fingerabdrücke und andere Spuren sollen gesichert werden.
Zu Tätern und Motiv gibt es bislang keine Erkenntnisse.
Ein Muster in Europa
Der Fall reiht sich in eine Serie von Angriffen auf Verkehrs- und Energieinfrastruktur ein.
In Deutschland durchtrennten Unbekannte im August bei Backnang Kabel in einem Betonschacht nahe der Gleise; der Staatsschutz ermittelt wegen Sabotageverdachts. In der vergangenen Woche wurden Angriffe auf Umspannwerke in Brandenburg und im Rheinland festgestellt.
In Polen kam es im vergangenen Jahr zu Sprengstoffanschlägen auf eine Bahnstrecke, über die Hilfslieferungen in die Ukraine laufen. Warschau macht Russland dafür verantwortlich.
Ob Verbindungen bestehen, ist offen.