Selfie statt Passwort: Google lässt Nutzer ihr Konto per Gesichtsvideo zurückholen
Mountain View. Wer sich aus seinem Google-Konto ausgesperrt hat, soll künftig einen neuen Weg zurück haben: ein kurzes Video vom eigenen Gesicht. Der Konzern hat die Funktion diese Woche offiziell vorgestellt. Sie ist freiwillig – in Deutschland dürfte sie allerdings vorerst gar nicht nutzbar sein. Datenschützer sehen die Entwicklung ohnehin skeptisch.
So funktioniert es
Das Prinzip ist simpel: Wer die Funktion nutzen will, nimmt vorab ein kurzes Video von sich auf. Dabei führt einen das System durch ein paar Kopfbewegungen, damit das Gesicht aus mehreren Winkeln erfasst wird. Das Video wird verschlüsselt im Google-Konto hinterlegt.
Sperrt man sich später aus – etwa weil das Passwort weg oder das Handy verloren ist –, nimmt man ein neues Video auf. Google gleicht beide ab. Damit niemand einfach ein Foto oder ein vorproduziertes Video vor die Kamera hält, verlangt das System kleine Bewegungen in Echtzeit.
Das Referenzvideo muss man einrichten, solange man noch Zugriff auf sein Konto hat. Wer bereits ausgesperrt ist, kann es nicht mehr nachholen.
Die Funktion gilt nur für private Google-Konten. Geschäftskonten, Kinderkonten und Konten im besonders gesicherten Schutzprogramm für gefährdete Personen sind ausgenommen.
In Deutschland vorerst nicht verfügbar
Für Nutzerinnen und Nutzer hierzulande dürfte sich zunächst wenig ändern. Google selbst schreibt, die Funktion sei nicht in allen Regionen verfügbar, ohne Länder zu nennen. Tests des Fachmagazins heise online mit Konten in zwei Ländern scheiterten an der Meldung, dass Selfie-Anmeldung für dieses Konto nicht zur Verfügung stehe. Zuvor war die Funktion nur in Brasilien erprobt worden.
Ein Muster, das man kennt: Biometrische Funktionen startet Google in Europa häufig später oder gar nicht – die strengen EU-Datenschutzregeln setzen hier engere Grenzen.
Warum Datenschützer skeptisch sind
Gesichtsdaten zählen nach der Datenschutz-Grundverordnung zu den besonders sensiblen Daten. Ihre Verarbeitung ist grundsätzlich nur mit ausdrücklicher Einwilligung erlaubt.
Der Kern der Kritik ist schnell erklärt: Ein Passwort kann man ändern, wenn es gestohlen wird. Ein Gesicht nicht. Wer seine Biometrie einmal preisgibt, kann sie nicht zurückholen. Dazu kommt, dass Google das Video nicht nur lokal auf dem Gerät speichert – anders als etwa Apples Face ID –, sondern in der Cloud. Das macht solche Datenbestände zu einem attraktiven Ziel für Angreifer.
Und der Wettlauf gegen Fälschungen geht weiter: Je besser KI-generierte Videos werden, desto anspruchsvoller wird es, echte Menschen von Deepfakes zu unterscheiden.
Eine Stellungnahme deutscher oder europäischer Datenschutzbehörden speziell zu dieser Funktion lag bislang nicht vor.
Was dahintersteckt
Google verfolgt seit Jahren das Ziel, Passwörter überflüssig zu machen. Sogenannte Passkeys, bei denen man sich per Fingerabdruck, Gesicht oder Geräte-PIN anmeldet, sind längst Standard. Nur bleibt dabei ein Problem: Was passiert, wenn Gerät, Mailadresse und zweiter Faktor alle nicht verfügbar sind? Genau diese Lücke soll das Selfie-Video schließen.
Der Bedarf ist real. Kontoübernahmen gehören weltweit zu den teuersten Betrugsformen; Fachleute beziffern die Schäden allein für das vergangene Jahr auf mehr als 15 Milliarden Dollar. Auch andere Konzerne setzen auf Biometrie – Meta etwa nutzt Video-Selfies zur Altersprüfung und gegen gefälschte Profile.
Was Sie jetzt tun können
Mitmachen muss niemand. Wer sein Konto absichern will, ist mit den bewährten Mitteln gut bedient – und die kann man sofort einrichten: eine aktuelle Wiederherstellungs-E-Mail und Telefonnummer hinterlegen, Backup-Codes ausdrucken, einen Passkey anlegen und einen vertrauenswürdigen Wiederherstellungskontakt benennen.
Wer die Funktion später doch nutzt und es sich anders überlegt, kann das Video in den Kontoeinstellungen jederzeit löschen. Google weist allerdings darauf hin, dass gelöschte Aufnahmen noch eine gewisse Zeit vorgehalten werden können.