Warschau: Flugobjekt schlägt in Polen ein – Regierung vermutet russische Rakete
Warschau. In Ostpolen ist in der Nacht zum Donnerstag ein Flugobjekt eingeschlagen und hat auf einem Feld einen mehrere Meter tiefen Krater hinterlassen. Nach vorläufiger Einschätzung der polnischen Regierung handelte es sich vermutlich um eine russische Rakete vom Typ Ch-101. Verletzt wurde niemand, Gebäude wurden nicht beschädigt. Die Regierung in Warschau berief eine Krisensitzung ein.
Radarkontakt um 3.40 Uhr
Nach Angaben des Oberkommandos der polnischen Streitkräfte erfasste der Radar gegen 3.40 Uhr Ortszeit ein nicht identifiziertes Objekt, das sich in westlicher Richtung bewegte – kurz darauf verschwand es vom Schirm. Ein Hubschrauber vom Typ Mi-24 flog die letzte bekannte Position an und lokalisierte die mutmaßliche Absturzstelle: unbewohntes Gebiet nahe dem Dorf Tarnawa-Kolonia in der Woiwodschaft Lublin, südlich der gleichnamigen Stadt. Anwohner hatten zuvor einen lauten Knall gemeldet; in Lublin war Luftalarm ausgelöst worden.
Am Fundort sicherten Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute Trümmerteile. Ministerpräsident Donald Tusk fuhr gemeinsam mit Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz und Innenminister Marcin Kierwiński zur Einschlagstelle.
Herkunft noch nicht abschließend geklärt
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte auf der Plattform X, in der Nacht sei während des russischen Großangriffs ein russischer Marschflugkörper vom Typ Ch-101 nach Polen eingedrungen und habe damit NATO-Luftraum verletzt. Die polnische Regierung hält diese Darstellung inzwischen für wahrscheinlich – festgelegt hat sie sich aber nicht.
Denn die Identifizierung ist schwierig. “Eine eindeutige Identifizierung ist wahrscheinlich nicht gelungen, weil das Objekt genau in dem Moment abstürzte, als sich die F-16 näherte”, sagte Oberstleutnant Jacek Goryszewski. Der polnische Nachrichtendienstoffizier Oberst Andrzej Derlatka nannte im Sender TVP Info auch eine andere Möglichkeit: Es könne sich um eine Rakete handeln, die an dem Angriff auf die Ukraine beteiligt war – oder um eine ukrainische Flugabwehrrakete, die eine anfliegende Rakete abfangen sollte. Die Untersuchung der Trümmer dauert an.
Massiver Angriff auf die Ukraine
Hintergrund ist ein schwerer russischer Luftangriff auf die Ukraine. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj setzte Russland mehr als 70 Raketen und über 280 Angriffsdrohnen ein. Landesweit wurden mindestens 13 Menschen getötet, darunter einer in der Hauptstadt Kyjiw. In Lwiw unweit der polnischen Grenze wurden nach Behördenangaben mindestens 26 Menschen verletzt, zwei Wohnhäuser beschädigt.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte einen “massiven Angriff” mit weitreichenden Waffen und Drohnen; dieser habe militärischen Einrichtungen und drei Frachtschiffen gegolten. Diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Die polnische Luftabwehr beobachtete in der Nacht mindestens ein Dutzend Raketen über der Westukraine, deren Flugrichtung als mögliche Gefahr für Polen eingestuft wurde. Ein Geschoss näherte sich der Grenze nach Armeeangaben bis auf etwa fünf Kilometer, drehte dann aber wieder nach Osten ab.
Nicht der erste Vorfall
Der polnische Luftraum ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs wiederholt verletzt worden. Im September war während eines russischen Angriffs auf die Ukraine eine größere Zahl von Drohnen nach Polen geflogen; die polnische Luftwaffe und NATO-Verbündete schossen damals erstmals Flugkörper ab. Erst vergangene Woche hatte auch das Nachbarland Rumänien erstmals Drohnen über eigenem Staatsgebiet abgeschossen.
Sybiha verband den Vorfall mit der Forderung nach einer raschen Verstärkung der ukrainischen Luftabwehr: Der Schutz der Ukraine diene zugleich der Sicherheit des gesamten euroatlantischen Raums.