Abraham Roentgen
Abraham Roentgen brachte 1750 seine Werkstatt nach Neuwied und begründete die Möbelmanufaktur, deren Stücke Fürstenhöfe in ganz Europa kauften.
Abraham Roentgen war ein Kunsttischler aus dem Rheinland, der 1750 mit der Herrnhuter Brüdergemeine nach Neuwied kam. Hier baute er eine Werkstatt auf, die zur Keimzelle der berühmten Roentgen-Manufaktur wurde. Ihre Möbel machten den Namen der Stadt an Fürstenhöfen in ganz Europa bekannt.
Leben
Roentgen wurde am 30. Januar 1711 in Mülheim am Rhein geboren, das heute zu Köln gehört. Das Handwerk lernte er bei seinem Vater Gottfried, einem Schreiner und Schnitzer. Von 1731 an ging er für mehrere Jahre auf Wanderschaft, die ihn über Den Haag, Rotterdam und Amsterdam bis nach London führte. Dort arbeitete er als Geselle und kam wohl mit dem Möbelbauer John Channon in Kontakt; die englische Technik der Einlegearbeiten prägte seinen Stil nachhaltig.
In London hörte er Predigten des Grafen Zinzendorf und schloss sich im November 1737 der Herrnhuter Brüdergemeine an. 1739 heiratete er in Marienborn Susanne Marie Bausch, die Tochter eines Frankfurter Schuhmachers. Ein Versuch, als Missionar nach Nordamerika zu gehen, scheiterte, und das Paar kehrte zurück. 1742 eröffnete Roentgen im Herrnhuter Ort Herrnhaag in der Wetterau eine eigene Werkstatt.
Neubeginn in Neuwied
Als die Herrnhuter das Ysenburger Land verlassen mussten, folgte Roentgen 1750 einer Einladung des Grafen Johann Friedrich Alexander zu Wied nach Neuwied. Die Bedingungen waren günstig: Der Graf befreite ihn vom Zunftzwang und erlaubte ihm, alle benötigten Materialien zollfrei einzuführen. So konnte Roentgen weit mehr Gehilfen beschäftigen, als es eine gewöhnliche Meisterwerkstatt zuließ, und den Betrieb zu einer Manufaktur ausbauen. Er arbeitete mit Schablonen und wiederkehrenden Modellen und bot ab 1754 auf der Frankfurter Messe kleine Serien gleicher Möbel an. Als erster nachweisbarer Käufer gilt 1756 der Frankfurter Bürger Johann Caspar Goethe, Vater des Dichters.
Werk und Stil
Fachleute unterscheiden in seinem Schaffen drei Phasen. Anfangs dominierten englische Formen mit holländischen Anklängen, also Schnitzwerk und geschwungene Umrisse. Bis in die späten 1760er Jahre wurden die Oberflächen lebhafter, mit geometrischen und floralen Marketerien sowie Einlagen aus Elfenbein, Perlmutt und Schildpatt. In den letzten Jahren unter seiner Leitung kamen chinesisch inspirierte Motive hinzu, und der Übergang zum Klassizismus, den sein Sohn später vollzog, deutete sich bereits an.
Zu den wichtigsten Auftraggebern zählten der Neuwieder Graf, der Möbel für sein Schloss und für Monrepos bestellte, und der Trierer Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff. Nach dem Siebenjährigen Krieg geriet der Betrieb jedoch in schwere Not, zumal der Kurfürst 1768 starb und viele Rechnungen offen blieben. Die Brüdergemeine verweigerte Hilfe, weil sie die kostbaren Möbel für überflüssigen Luxus hielt. Gerettet wurde die Werkstatt durch eine Möbellotterie, die Sohn David vorgeschlagen hatte. 1772 übergab Abraham Roentgen ihm offiziell die Leitung.
Späte Jahre
Seine Frau starb 1776. Aus der Ehe waren sechs Söhne und zwei Töchter hervorgegangen. 1784 zog sich Roentgen endgültig aus dem Betrieb zurück und übersiedelte im Jahr darauf in die sächsische Herrnhuter Gemeinde Herrnhut, wo er am 1. März 1793 starb. Er wurde auf dem dortigen Gottesacker beigesetzt.
Spuren in Neuwied heute
Die bedeutendste Erinnerung an Abraham Roentgen ist das Roentgen-Museum am Raiffeisenplatz. Der Landkreis eröffnete es 1928 als Kreismuseum, heute zeigt es eine Sammlung von Möbeln Abraham und David Roentgens sowie Uhren Peter Kinzings, die das Museum als weltweit einmalig bezeichnet. Wer die Wege der Familie in der Stadt nachgehen will, findet sie im Herrnhuter Viertel, dessen erstes Karree noch erhalten ist. In der Pfarrstraße steht zudem das denkmalgeschützte Roentgenhaus, 1774 bis 1776 unter der Leitung seines Sohnes errichtet und von der Familie als Wohnhaus und Werkstatt genutzt; es befindet sich in Privatbesitz und ist nicht zu besichtigen.
Stand: 9. Oktober 2026.