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Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen gründete in Heddesdorf einen Darlehnskassenverein, Vorbild der Raiffeisenbanken. Wie seine Idee von Neuwied aus die Welt erreichte.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war von 1852 bis 1865 Bürgermeister in Heddesdorf, das heute ein Stadtteil von Neuwied ist. Dort gründete er 1864 den Heddesdorfer Darlehnskassenverein, der zum Vorbild der späteren Raiffeisenbanken wurde. Aus seinen Ideen ist eine weltweite Bewegung entstanden, und 2016 nahm die UNESCO die Genossenschaftsidee in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Herkunft und Weg in die Verwaltung

Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg geboren. Seine Eltern waren Gottfried Friedrich Raiffeisen und Amalie, geborene Lantzendörfer, und er wuchs als eines von neun Kindern auf. Für ein Studium reichte das Geld der Familie nicht, deshalb ging er 1835 mit 17 Jahren in Köln zur preußischen Artillerie. Dort erhielt er die Ausbildung zum Unteroffizier, 1840 legte er an der Inspektionsschule in Koblenz die Prüfung zum Oberfeuerwerker ab. Ein Augenleiden, das ihn sein Leben lang begleiten sollte, beendete 1843 die militärische Laufbahn.

Er wechselte in die Zivilverwaltung, zunächst zur Regierung in Koblenz, dann als Kreissekretär nach Mayen. 1845 übernahm er das Bürgermeisteramt in Weyerbusch im Westerwald, im selben Jahr heiratete er Emilie Storck aus Remagen.

Erfahrungen im Westerwald

Im Hungerwinter 1846/47 erlebte Raiffeisen, wie die ländliche Bevölkerung in Not geriet. In Weyerbusch rief er einen Brotverein ins Leben, der mit Spenden Getreide für Brot beschaffte und den Ärmeren mit Saatkartoffeln half. 1848 wechselte er als Bürgermeister nach Flammersfeld. Dort entstand 1849 ein Verein, in dem wohlhabendere Mitglieder für Kredite an ärmere Landwirte bürgten. Dieser Flammersfelder Hilfsverein gilt als früher Vorläufer seiner Genossenschaftsidee.

Bürgermeister in Heddesdorf

1852 wurde Raiffeisen nach Heddesdorf versetzt, damals eine eigenständige Bürgermeisterei vor den Toren Neuwieds. Bald darauf gründete er den Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein. Der Verein war noch stark vom Gedanken der Wohltätigkeit geprägt, bei dem Begüterte den Bedürftigen helfen. Raiffeisen kam jedoch zu der Überzeugung, dass Hilfe dauerhafter wirkt, wenn die Betroffenen selbst Mitglied werden und gemeinsam Verantwortung tragen. 1864 ging aus dem Wohltätigkeitsverein deshalb der Heddesdorfer Darlehnskassenverein hervor.

Sein Augenleiden verschlimmerte sich in diesen Jahren, hinzu kamen weitere Erkrankungen. 1863 starb seine Frau Emilie, und 1865 schied Raiffeisen vorzeitig aus dem Amt. Um seine Familie zu versorgen, versuchte er sich unter anderem als Zigarrenhersteller und Weinhändler. Unterstützt wurde er dabei von seiner Tochter Amalie, die unverheiratet blieb und ihm bis zu seinem Tod zur Seite stand. 1868 heiratete er die Witwe Maria Penserot, geborene Fuchs.

Bekannt machte seine Ideen vor allem ein Buch, das 1866 unter dem Titel "Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth" in Neuwied erschien. Darin beschrieb er Aufbau und Arbeitsweise seiner Vereine so, dass andere Gemeinden sie nachahmen konnten, und tatsächlich fand das Modell rasch Nachahmer.

Vom Verein zum Verband

Je mehr Darlehnskassen entstanden, desto wichtiger wurde ein gemeinsamer Geldausgleich. 1872 gründete Raiffeisen in Neuwied die Rheinische Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank, die sich mit Instituten in Hessen und Westfalen zur Deutschen Landwirtschaftlichen Generalbank zusammenschloss. Nach einer Anfrage von Hermann Schulze-Delitzsch im Reichstag musste dieses Gebilde jedoch aufgelöst werden, weil es nicht mit dem Genossenschaftsgesetz von 1867 vereinbar war. Raiffeisen gab nicht auf und gründete 1876 die Landwirtschaftliche Central-Darlehnskasse als Aktiengesellschaft.

1877 folgte der Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften, aus dem der heutige Deutsche Raiffeisenverband in Bonn hervorgegangen ist. Raiffeisen führte ihn bis zu seinem Lebensende als Generalsekretär. 1881 entstand in Neuwied außerdem eine eigene Druckerei für die Schriften und Formulare der Bewegung, deren Gewinne dem Verband zuflossen. Für seine Verdienste erhielt er 1884 den Roten Adlerorden IV. Klasse.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen starb am 11. März 1888 in Heddesdorf an einer Lungenentzündung. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten nach seinem System rund 400 Spar- und Darlehnskassenvereine. Er wurde auf dem Friedhof in Heddesdorf beigesetzt.

Glaube und Schattenseiten

Antrieb für sein soziales Engagement war sein evangelischer Glaube. Zum vollständigen Bild gehört allerdings auch, dass Raiffeisen sich in seinen Schriften abwertend über jüdische Händler äußerte. Diese Aussagen werden heute kritisch diskutiert, und in St. Gallen in der Schweiz forderte 2023 eine Initiative, den dortigen Raiffeisenplatz umzubenennen.

Nachwirkung

Das Andenken an Raiffeisen ist bis heute lebendig. Zu seinem 150. Geburtstag gab die Bundesrepublik 1968 eine Gedenkmünze heraus, Briefmarken erschienen 1958 und 1988. Im März 2015 reichte Deutschland die "Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften" als erste eigene Nominierung für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit ein, am 30. November 2016 wurde sie aufgenommen. Die Nominierung ehrt Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch gemeinsam. Zahlreiche Banken, Schulen und Straßen tragen seinen Namen.

Bezug zu Neuwied

Mehr als drei Jahrzehnte, fast die Hälfte seines Lebens, verbrachte Raiffeisen in Heddesdorf, das 1904 nach Neuwied eingemeindet wurde. Hier entstanden der Heddesdorfer Darlehnskassenverein, die erste Zentralkasse und die Druckerei, und von hier aus organisierte er den Verband. Die Anfänge der ländlichen Genossenschaften sind damit eng mit der Stadt verbunden.

Spuren in Neuwied heute

Am Raiffeisenplatz beim Roentgen-Museum steht das 1902 eingeweihte Raiffeisendenkmal. Das Museum widmet ihm einen eigenen Bereich, in dem Besucherinnen und Besucher sein Leben in einer multimedialen Präsentation kennenlernen können. Sein Grab befindet sich bis heute auf dem Friedhof Heddesdorf am Sohler Weg, wo jedes Jahr an seinem Todestag ein Kranz niedergelegt wird. Auch die Rheinbrücke in Neuwied trägt als Raiffeisenbrücke seinen Namen, und im Stadtgebiet erinnert der Raiffeisenring an ihn.

Stand: 9. Oktober 2026.

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