David Roentgen
David Roentgen machte die Neuwieder Möbelwerkstatt zur Hoflieferantin von Paris bis Sankt Petersburg. Wer war der Kunsttischler hinter den Möbeln?
David Roentgen führte die Werkstatt seines Vaters Abraham in Neuwied zu internationalem Ruhm. Seine Möbel mit kunstvollen Einlegearbeiten und verborgener Mechanik standen in Paris, Berlin und Sankt Petersburg, und Kaiserin Katharina II. von Russland gehörte zu seinen wichtigsten Kunden. Damit trug er den Namen Neuwied an die großen Höfe Europas.
Leben
David Roentgen kam am 11. August 1743 in Herrnhaag in der Wetterau zur Welt, wo sein Vater damals eine Werkstatt betrieb. 1750 zog er als Kind mit der Familie nach Neuwied und lernte dort bei seinem Vater das Schreinerhandwerk. Spätestens um 1767 hatte er im Betrieb eine führende Rolle übernommen.
Als die Werkstatt Ende der 1760er Jahre in finanzielle Bedrängnis geriet, setzte er eine Möbellotterie durch. Die Herrnhuter Gemeine missbilligte das Vorhaben und schloss ihn aus, doch die Lotterie von 1769 befreite das Unternehmen von seinen Schulden. 1772 übertrug ihm der Vater offiziell die Leitung. Im Jahr darauf heiratete David im elsässischen Sundhofen Katharina Dorothea Scheurer. Von den sechs Söhnen des Paares starben drei früh, auch die beiden Töchter überlebten die Kindheit nicht.
Wirken
Unter David Roentgen wandelte sich der Stil der Werkstatt. Er übertrug die bildhaften Einlegearbeiten des Rokoko auf die strengeren Möbelformen des Klassizismus und verband sie mit raffinierter Technik: Geheimfächer, Federmechanismen und verwandelbare Möbel wurden zu seinem Markenzeichen. Eng arbeitete er dabei mit dem Neuwieder Uhrmacher Peter Kinzing zusammen, der Uhrwerke und Mechaniken beisteuerte.
Den Ausbau des Betriebs förderte der Landesherr: 1774 erhielt Roentgen ein Fabrikenprivileg, das ihn von Zunftzwang und Steuern befreite. Schon früh ließ er sich an den großen Höfen sehen. In Paris kaufte der französische Hof seine Möbel, 1780 wurde er in die dortige Zunft der Tischler und Ebenisten aufgenommen und eröffnete eine Niederlassung. Ludwig XVI. verlieh ihm 1785 den Titel eines Mechanikers und Ebenisten des Königs und der Königin. Zwischen 1783 und 1789 reiste Roentgen siebenmal nach Russland und belieferte Katharina II. sowie ihren Hof und Adel mit einem großen Teil seiner Produktion. Die Eremitage in Sankt Petersburg bewahrt bis heute Schreibmöbel aus seiner Werkstatt. Auch Preußen ehrte ihn: 1791 wurde er zum Geheimen Kommerzienrat ernannt. Schon 1782 hatte ihn der Neuwieder Landesherr zum Kammerrat gemacht.
Niedergang und Tod
Mit der Französischen Revolution brach der wichtigste Markt weg, und von diesem Einbruch erholte sich das Unternehmen nicht mehr. Als die Revolutionstruppen an den Rhein vorrückten, stuften ihn die französischen Behörden 1794 als Emigranten ein, und er musste mehrfach fliehen. Die Neuwieder Werkstatt wurde geschlossen. Ein Versuch, sich 1799 in Preußen niederzulassen, scheiterte, und 1801 kehrte er nach Neuwied zurück, um gerettete Möbel zu verkaufen und offene Forderungen einzutreiben. Am 12. Februar 1807 starb David Roentgen in Wiesbaden, wo er sich längere Zeit als Vertreter der Brüdergemeine aufhielt. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof am Römertor in Wiesbaden.
Bezug zu Neuwied
Ohne Neuwied wäre die Erfolgsgeschichte kaum denkbar gewesen. Die Toleranzpolitik der Grafen zu Wied hatte die Familie in die Stadt gebracht, die Befreiung vom Zunftzwang ermöglichte erst den Betrieb in der Größe einer Manufaktur, und das Herrnhuter Viertel bildete das Umfeld, in dem die Werkstatt wuchs. Die Möbel, die von hier aus an die Höfe gingen, machten den Namen der kleinen Residenzstadt weit über das Rheinland hinaus bekannt.
Spuren in Neuwied heute
Das Roentgen-Museum am Raiffeisenplatz zeigt eine umfangreiche Sammlung von Möbeln aus der Werkstatt, darunter Sekretäre, Verwandlungstische und Kommoden. Als Glanzstück gilt die sogenannte Apollo-Uhr, eine Musikuhr, die Roentgen gemeinsam mit Peter Kinzing für den Zarenhof fertigte. In der Pfarrstraße steht das Roentgenhaus, das 1774 bis 1776 errichtet wurde und der Familie bis 1794 als Wohnhaus und Werkstatt diente; es ist denkmalgeschützt und in Privatbesitz. Sein Grabstein wurde 1937 aus Wiesbaden nach Neuwied gebracht und steht auf dem Neuen Friedhof.
Stand: 9. Oktober 2026.